Kaufsucht

Darunter versteht man ein (phasenweise) ungezügeltes Kaufverhalten, das die eigenen finanziellen Möglichkeiten übersteigt, aber nicht in der manischen Phase einer affektiven Erkrankung und auch nicht als Betrugshandlung stattfindet. Es handelt sich um einen subjektiv als unsteuerbar erlebten Drang, dem man sich subjektiv nicht widersetzen kann, auch dann nicht, wenn familiäre, nachbarschaftliche, berufliche, finanzielle oder juristische Konsequenzen absehbar sind. In der Regel ist das extreme Kaufverhalten Symptom zugrunde liegender anderer Erkrankungen und kommt nicht allein für sich vor. Das Spektrum möglicher ursächlicher Erkrankungen liegt besonders in den ICD-10-Kategorien F0, F1, F30.0, F30.1, F60, F61 und F70. In den seltenen Fällen, in denen sich - nach sorgfältigster Anamnese- und Befunderhebung! - keine andere Erkrankung finden lässt, ist von einem durch näher zu klärende Umstände gelernten Verhaltensmuster auszugehen, das durch den "Kick" des Kaufens von besonders teuren Gegenständen aufrecht erhalten wird. Es handelt sich dann also um ein operant gelerntes und aufrecht erhaltenes Verhalten, das nahezu reflexartig abläuft, um möglichst oft eine starke Belohnung zu erhalten. Allerdings steht dieses Erklärungsmodell des Kaufens weit jenseits der eigenen finanziellen Möglichkeiten auf sehr wackligen Füßen, da die bloße operante Konditionierung ohne weitere psychiatrische Erkrankung im Grunde nicht eine verminderte oder gar aufgehobene Steuerungsfähigkeit begründen kann (dies ist etwas anders als bei der Hypersexualität). Hier wird sich stets der Verdacht auf Betrug zum Nachteil des Verkäufers ergeben.

Verlauf und Krankheitsbild
Der Ablauf wird immer gleich geschildert: In dem Betroffenen wächst nach und nach das Gefühl eines unentrinnbaren inneren Zwangs. Nichts anderes kann ihn mehr befriedigen. Schließlich muss er diesem Drang nachgeben, und zwar immer häufiger und ggf. kostspieliger. Kann der Kaufsüchtige nicht mehr kaufen, stellen sich vielfältige, auch körperliche, Beschwerden ein, die gelegentlich auch als "Entzugssymptome" bezeichnet werden. Häufig kann man beobachten, dass Kaufsüchtige das "impulshaft Zusammengekaufte" rasch wieder verschenken, an Familienmitglieder, Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte. Die Begründung dafür ist unterschiedlich, eine kann sein, dass man sich die Zuwendung der Beschenkten sichern möchte.

Therapie
1. Soziale Sicherung
Die Behandlung besteht zunächst darin, das Leiden des Betroffenen ernst zu nehmen. Wer nicht betrügen will, sondern tatsächlich den Eindruck hat, sein Kaufverhalten nicht steuern zu können, der hat ein schweres Problem und dann, wenn er professionelle Hilfe sucht, auch meistens schon erhebliche Schulden, ähnlich dem Spieler. Zunächst ist hier für die soziale Sicherung zu sorgen, das bedeutet,  es muss ein Finanzmanagement durchgeführt werden, ebenfalls ähnlich wie beim Spielsüchtigen. Hierzu wendet man sich am besten an einen Sozialarbeiter, der sich mit krankheitsbedinten Schuldenproblemen auskennt. Solche Sozialarbeiter findet man oft beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Wohnortes. Ferner ist es wichtig, dass der Wohnraum des Betroffenen erhalten bleibt, hier muss vom Therapeuten nachgefragt werden, ob die MIeten bezahlt sind, oder ob hier akute Gefahr der Wohnungslosigkeit droht. Ggf. muss auch dieses Problem sozialarbeiterisch gelöst werden.
2. Selbstschutz
Um weiteren "Kauforgien" vorzubeugen, hat der Betroffene sofort einer Vertrauensperson alle Vollmachten für sein Geld, seine Kontemn und Kreditkarten zu übergeben. Er muss mit der Einteilung eines Taschengeldes einverstanden sein und am besten am Anfang nicht mehr allein das Haus verlassen, jedenfalls nicht, wenn er dabei an Einkaufsmöglichkeiten vorbeikommt, die er bisher bereits genutzt hat. Diese Maßnahme ist quasi die conditio qua non, ohne die eine Psychotherapie nicht erfolgen sollte.
3. Psychotherapie
Die Methode der Wahl ist die Verhaltenstherapie. Hier wird in üblicher Weise vorgegangen, d.h. es wird die Lerngeschichte erhoben, es wird umfangreiche Diagnostik durchgeführt, die aufrecht erhaltenden und auslösenden Bedingungen werden erkannt und irgendwann kann sich d. Pat. entscheiden, welche seiner Verhaltensweisen und/oder welche der aufrechterhaltenden Bedingungen er mit welchen Konsequenzen verändern möchte.

Literatur:
Poppelreuter, S.: Die Kaufsucht als Verhaltenspathologie, 2004